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1951

Erster offizieller Start eines Segelflugzeuges in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg. Erste internationale Segelflugwoche in Hirzenhain vom 30.Sept. bis 7.Okt. 1951.

 

Der erste Nachkriegsstart

Es ist jetzt 25 Jahre her, dass sich über den Hirzenhainer Bergen das erste Segelflugzeug in die Lüfte erhob. Damals war es Edgar Dittmar, der mit der „Espenlaub“ den Start wagte und damit einer Entwicklung den Weg bahnte, die man zunächst kaum ahnte. Nach Jahren des Aufstiegs kamen die Nachkriegsjahre, die dem schönen Sport zunächst ein Ende setzten. Als die alliierte Hochkommission den Sport wieder zuließ, ging ein Aufatmen und eine Freude durch die Reihen jener Männer, die in Hirzenhain die Segelfliegerei aus der Taufe hoben und so förderten, dass der Name Hirzenhain zwei Jahrzehnte im ganzen Reichsgebiet einen hervorragenden Klang hatte. Schnell ging man an die Vorarbeiten zum Wiederaufbau der Segelfliegerei, und man kann wohl sagen, daß trotz ungeahnter Schwierigkeiten, aber erfüllt von hohem Idealismus, bald eine stattliche Fliegergruppe entstand und auch das erste Flugzeug startklar war. Wir gedenken hier aller Männer, die sich um das Wiederaufleben des Segelflugsports größte Verdienste erworben haben, darunter insbesondere Lehrer Emil Schäfer, der Vorsitzende des Clubs „Hi-Hai“ und Geschäftsführer Ansgar Hermann, aber auch aller Mitarbeiter, die ihr Bestes hergaben, so schnell als möglich den schönen Flugsport wieder zu betreiben.

Es mögen rund 2500 Menschen gewesen sein, die am Sonntag auf den Hirzenhainer Bergen verweilten. Sie kamen zu Fuß und mit Fahrzeugen aller Art.
Vertreten waren nicht allein alle Gruppen des Segelfliegerclubs „Hi-Hai“, sondern auch Segelfliegerverbände aus anderen Bundesgebieten hatten Vertreter entsandt.
Seitens der Besatzungsmacht war der Chefjurist für Luftrecht bei der alliierten Hochkommission, Mr. Her, erschienen. Weiter sahen wir den Geschäftführer des Landesverbandes im Aero-Club, Karl Friedrich Isterling, den Rechtsdezernenten im Landesverband, Georg Frenzel, den Bundessachverständigen für Segelflug und Segelfluggelände, Niemeyer, und vom Segelfliegerclub Wiesbaden, Wilhelm Gerner. Auch Vertreter der Gemeinde Hirzenhain nahmen an der Veranstaltung teil.

Begünstigt durch schönem, teils sogar gutem Flugwetter, rollte die Veranstaltung reibungslos ab, ein Zeichen der guten Organisation. Die guten Windverhältnisse verhalfen zu einer Reihe von ausgezeichneten Starts, die nicht allein das hohe Können unserer Segelflieger bewiesen, sondern auch die gute Eignung des Fluggeländes. Radio Conrad, Dillenburg, sorgte für Musik und Übertragung.

Keinen würdigeren Auftakt zu diesem ersten Flugtag konnte man sich wünschen als eine Gedenkfeier zu Ehren der toten Flieger. Sie wurde um 9 Uhr am Kriegerdenkmal der Gemeinde abgehalten. Lehrer Emil Schäfer, der Vorsitzende des Clubs „Hi-Hai“ gedachte in seiner Ansprache der Fliegerkameraden aus aller Welt und aus der Heimat, die im fliegerischen Einsatz verunglückt waren oder als gute Kameraden starben. So nannte er Ernst Weigel, Heinrich Moos, Heinrich Eckhardt, Hermann Bieber und Willi Ehrecke. Zu Ehren der Toten legte Schäfer einen Kranz am Ehrenmal nieder. Gesangverein und Posaunenchor umrahmten die Feierstunde. Anschließend ehrte man den im Jahre 1932 am Hang tödlich abgestürzten Hirzenhainer Segelflieger Hermann Bieber durch eine Kranzniederlegung an seinem Grabe.

Die anschließende Flugzeugtaufe vor der großen Halle leitete wiederum Lehrer Emil Schäfer mit einer Ansprache ein. Er gab seiner Freude darüber zum Ausdruck, daß man nach einer Ruhepause nun wieder fliegen könne. Es sei ein schwieriger Weg gewesen, die Genehmigung zum ersten Start zu erhalten. Dank gebühre allen, die sich uneigennützig in den Dienst der guten Sache gestellt hätten. Worte besonderer Würdigung widmete der Redner dem Flugkapitän der früheren Lufthansa , Albert Schäfer aus Wissenbach, der schon vor 40 Jahren den Mut gehabt habe, zu fliegen, und damit bahnbrechend zu wirken. Einen Gruß entbot er auch den Fliegern aus Wiesbaden, allen Ehrengästen und Gästen, die sich zu dieser feierlichen Stunde eingefunden hätten.

 

Flugkapitän Albert Schäfer richtete an die Anwesenden einige Worte und taufte das neue Hirzenhainer Flugzeug auf den Namen „Hi-Hai“.

Inzwischen wurde es lebendig am großen Hang, da die kleinen und großen Modellbauer ihre in Eigenbau erstellten Modelle starteten. Diese fliegerische Einlage, bei der man eine Anzahl guter Modelle bewundern konnte, fand das lebhafte Interesse der Besucher.
Kurz nach 11 Uhr war es dann soweit, um den ersten legalen Start eines deutschen Segelflugzeugs vorzunehmen. Das Grunau Baby II b mit der Nr. D-4001 getauft auf den Namen „Hi-Hai“ trat um 11.35 Uhr mit Pilot Niemeyer die erste Luftreise an. Der Start ging glatt vonstatten. Im Gleitflug landete das Flugzeug im Wiesengrund bei Eiershausen. Um 11.50 Uhr erfolgte ein weiterer Start mit der D-4000 der Wiesbadener Gruppe mit Wilhelm Gerner. Inzwischen zeigten Windsack und Windmesser bessere Werte, so dass weitere Starts von Niemeyer und Gerner erfolgten. Den längsten Flug erreichte Gerner mit einer Flugzeit von 8 Minuten.

Am Nachmittag zeigten unsere heimischen Flieger ihr Können. Zunächst war es Lehrer August Mötzing,  Driedorf, der mit der „Hi-Hai“ startete, dann folgten Willi Benner, Ballersbach, Flugkapitän Albert Schäfer, Wissenbach, Wilhelm Bieber, Hirzenhain, der älteste Flieger des Clubs, Albert Emmerich, Hirzenhain  und Erich Jung, Eibach, der mit einem schneidigen Flug die fliegerische Veranstaltung ausklingen ließ.
Theo Overbeck ehrte die ersten Sieger im Modellwettbewerb mit Preisen. Mit einem Fliegerball in der Flughalle geht der denkwürdige Tag in der Segelfluggeschichte zu Ende.
Mr. Her, der sich mit den Worten „es ist sehr schön, hier zu sein“ in das goldene Buch des Clubs eintrug, erklärte, daß er sich sehr freue, daß die deutschen Segelflieger erhebliche Fortschritte gemacht hätten.
Wie Herr Isterling vom Landesverband mitteilte, besteht die Aussicht, daß den Deutschen noch in diesem Jahr die Erlaubnis zum Motorflug erteilt wird.

Damit dieser Tag, für die Segelfliegerei in Deutschland, erfolgreich gestaltet werden konnte, gingen viele organisatorische Dinge voraus,wie dem nachfolgenden Protokoll zu entnehmen ist.

Abschrift des Protokolls der Vorstands- und Mitgliederversammlung in Hirzenhain am 1.8.1951

Die Versammlung wurde ganz plötzlich einberufen, so daß einige Sektionen des Clubs nicht vertreten waren. Der Clubvorsitzende, Herr Schäfer, eröffnete die Sitzung, begrüßte die erschienenen Mitglieder und führte aus, daß der vorgesehene Termin zum 1.Flugtag in Hirzenhain am 29.7.1951 nicht eingehalten werden konnte.

Auf einer Fahrt nach Frankfurt (Aeroclub) habe er festgestellt, daß dort in der Sache „1.Flugtag in Hihai“ nichts geschehen war. Bei einer Fahrt zu der Dienststelle der Pan American World Airways wurde der Termin auf den 5.8.1951 verschoben, da erhebliche Schwierigkeiten auftraten. Nach den neuen Ausführungsbestimmungen muss

1. das Gelände,
2. das Segelflugzeug
3. der Pilot

neu zugelassen sein. Jeder einzelne Segelflieger muss neu überprüft werden. Es habe sich bereits herausgestellt, daß bei einem Überprüfungsfliegen einiger Segelflieger in der Schweiz selbst erfahrene Piloten („Kanonen“) ihre Schwierigkeiten in fliegerischer Hinsicht hatten.

Herr Schäfer gab bekannt, daß die Zulassung des Geländes Hirzenhain am 29.7. durch Herrn Niemeyer (aus Wiesbaden) erfolgt sei. Herr Niemeyer soll auch das Grunau-Baby des Clubs am 5.8. fliegen. Das Grunau-Baby sei zugelassen und habe die Nr. 4001 erhalten. (1.deutsche zugelassene Maschine) !

Es soll versucht werden, bei dem Flugbetrieb am 5.8. einen oder zwei Überprüfungen von Segelfliegern des Clubs von Herrn Niemeyer duchführen zu lassen, damit im Club selbst weitergearbeitet werden kann. Am 3.8. soll das Grunau-Baby auf das Gelände gebracht werden, damit das Landegelände überprüft werden kann.

Herr Schäfer bat eindringlichst, am kommenden 1.Flugtag alle Kräfte einzusetzen, damit der Betrieb reibungslos durchgeführt werden kann und dieser große Tag zu einem vollen Erfolg in jeder Hinsicht würde. Dann teilte Herr Schäfer die einzelnen Ämter und Bereitschaften ein:

Flugleitung: (Durchführung der Starterei selbst) Flugkapitän Albert Schäfer und zu dessen Verfügung Herr Jung, Herr Emmerich und Herr Bieber.

Standpunkt der Flugleitung in einem Häuschen an der Viehweide oder bei Hangflugbetrieb in der Halle, wo alle Fäden zusammenlaufen. Flugleitung muss u.a. sorgen für Windsack, Landekreuz und Startfähnchen.

Modellflugbetrieb: Herr Overbeck. Der Modellflugbetrieb sei als Rahmenprogramm gedacht. Mitzubringen seien Hochstartvorrichtungen, Listen und Geräte für zwei Startstellen.

Kassenangelegenheiten: Herr Mulflur und Herr Fey. Einrichtung fester Kassen, Parkplätze für Motor-und Fahräder und Autos, Kontrollen im Publikum. Für das Kassieren und die Kontrollen sollen zusätzlich die Feuerwehr evtl. auch der Gesang- und der Sportverein von Hirzenhain einbezogen werden. Ein kassenmäßiger Erfolg muß vor allem gesichert sein, da die vorbereitenden Arbeiten viel verschlungen haben.

Absperrbereitschaft: Herr Schauß, Herr Bretthauer und Herr Göst.

Fahrbereitschaft bzw. Kurierdienst: Fritz und Walter Schneider, Herr Zyrener und Herr Braas.

Verkauf von Ansichtskarten: Frl. Emmerich und Frau Overbeck.

Bereitschaftsdienst: Herr Feuring, Herr Steuder und Herr Raffius.

Startmannschaft: 20 Mann sollen insgesamt von den einzelnen Sektionen namentlich gemeldet werden. Sie werden besonders versichert. Startmannschft muß unbedingt um 10 Uhr erschienen sein und soll vor Beginn des Flugbetriebes ihre Verzichtserklärung unterschreiben.

Über die Errichtung einer Telefonwache wurde diskutiert. Ebenso, ob die Parkplätze in eigener Regie oder durch die Wach-und Schließgesellschaft bewacht werden sollen.
Anschließend verteilte der Geschäftsführer die Plakate an die Vertreter der einzelnen Sektionen. Dieselben sollen bis zum nächsten Abend überall aushängen!

Anschließend gab Herr Mittler bekannt, daß von den beiden Hirzenhainer Wirten Bender und Stoll (beides Mitglieder des Clubs) Angebote über den Ausschank und die Verpflegung während des Flugtages eingeholt worden seien und verlas dieselben. Da sich die beiden Wirte untereinander nicht einigen konnten, wurde in geheimer Wahl abgestimmt. Die Wahl fiel auf Herrn Stoll.

Herr Schäfer richtete an alle Anwesenden die eindringliche Bitte, gegenüber der Presse Vorsicht zu üben.

Die Sektionen wurden nochmals ermahnt, ihre Beitragszahlungen pünklich zu leisten.

Schließlich wurden die Sektionen aufgefordert, dem Club über den Ausbildungsstand (Prüfungen, Fluglehrerberechtigungen) der einzelnen Mitglieder, am besten schriftlich, Meldung zu machen.

Herborn, den 6.8.1951

 

Erste internationale Segelflugwoche in Hirzenhain
vom 30.Sept. bis 7.Okt. 1951

Die erste große Segelflugwoche im Bundesgebiet mit internationaler Beteiligung wurde am Sonntag um 11 Uhr vom Segelfliegerclub „Hihai“ auf der Hirzenhainer Großen Viehweide eröffnet. Die Elite der alten deutschen Segelflieger, zahlreiche offizielle Gäste und eine mehrtausendköpfige Zuschauermenge hatten sich zu diesem Ereignis eingefunden. Der rührige heimische Segelfliegerclub hat Hirzenhain mit diesem stolzen Tag seine Geltung in der deutschen Segelfliegerei wiedergegeben.

Es wehte am Sonntag ein ordentlicher Süd-Ostwind auf der Hirzenhainer Höhe, der die Benutzung des Eiershäuser Hangs ausschaltete. Dafür waren zwei Motorwinden der Firmen Röder aus Frankfurt und Pfeiffer aus Fulda zur Stelle, die einen Flugbetrieb am laufenden Band gestatteten. Um 11:15 Uhr eröffnete August Mötzing aus Driedorf mit dem Grunau Baby IIb den Reigen, zuerst nur probeweise mit dem Gummiseil, dann mit einem gutgelungenen Hochstart, durch den die Maschine wie ein Drachen 200 Meter in die Luft gezogen wurde. Sobald die Maschine die Waagerechte erreicht hatte, klinkte der Pilot das Seil aus und drehte majestätisch seine Kreise über der Hirzenhainer Höhe. Nach etwa drei Minuten setzte das Flugzeug elegant und leicht wieder am Startplatz auf.

Unermüdlich stiegen das Baby, der Schulgleiter von der Gruppe Butzbach und die doppelsitzige ES 49 der Segelfluggruppe Hofheim-Wiesbaden aus dem Besitz der Maschinenfabrik Mohr aus Hofheim, mit dem Piloten Wilhelm Gerner aus Wiesbaden in die Luft. Die ES 49 erreichte Flugzeiten von 5 bis 6 Minuten. Der Hirzenhainer Segelfliegerclub hat sich für den Erwerb dieser Maschine interessiert. Außerdem war noch ein zweiter Doppelsitzer, ein Kranich II vom englichen Gliding Club Wahn bei Köln da, der aber erst im Laufe der Woche startklar sein soll.

Die begeisterten Zuschauer kamen voll auf ihre Kosten. Die Flugleitung hatte alle Mühe sie zurückzuhalten, damit die Maschinen ungehindert starten konnten. Das war besonders schwer, als die prominenten Flieger erschienen, sich mit dem Vorsitzenden des Hirzenhainer Clubs, Lehrer Emil Schäfer am Mikrofon unterhielten und zu einem Flug mit dem Baby IIb eingeladen wurden. Da waren Ernst Jachtmann, der Inhaber des Dauerflugrekords von 56 Stunden, der Höhenrekordflieger Erich Klöckner, der in Hirzenhain zum ersten Male wieder nach dem Kriege flog, und der französische Rekordflieger Guy Marchand.

 

Am ersten Tag der Segelflugwoche weilten in Hirzenhain Mitglieder der Fluggruppen Wiesbaden-Hofheim, Butzbach, Sprendlingen und des englichen Glaiding Clubs, der durch Mr.Maugh aus Wiesbaden vertreten war. Unter den Gästen sah man ferner Herrn Christiansen von der schwedischen Luftfahrtgesellschaft SAS und den früherern Vertreter der deutschen Lufthansa in New York Herrn Bayer aus Mannheim. Wenn auch die Flieger selbst den höchsten Genuß des erdengelösten Schwebens hatten, so war der Tag doch auch für die Zuschauer ein freudiges Ereignis. Ob sie nun die alten Pioniere des Segelflugs bejubelten, über die mutigen Loopings des Hirzenhainer Fliegers Albert Emmerich staunten oder den ästhetischen Anblick der lautlos gleitenden Vögel bewunderten.
Während der ganzen Woche wird der Flugbetrieb in Hirzenhain fortgesetzt. Vor allem sollen Überprüfungsflüge durchgeführt werden. Am Montag spricht Hanna Reitsch im Dillenburger Kurhaus zu den Segelfliegern und Freunden des Segelflugs.

 

 

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