Suche
Suche Menü

1938-1945

Laufend Segelfluglehrgänge — 1943  im August  220 geflogene Flugstunden. 15 Fünf-Stundenflüge und Dauerrekord durch Reinhard Bretthauer mit 11 Stunden 41 min — Neuer Dauerrekord im Juni 1944 von 14 Stunden 58 min. durch den Hirzenhainer Karl Dobener  — 1945  Zerstörung von ca. 70 Maschinen –letzter Start durch den 15-jährigen Godwin Busch.

 

Schule und Segelflug

Zeitungsausschnitt aus der „Dill-Zeitung“ vom 16.August 1941

Nach dem bekannten Ausspruch von Hermann Göring soll unser Volk ein Volk von Fliegern werden. Die Bedeutung der Luftwaffe für den Verlauf der jetzigen Feldzüge beweißt, daß dieses Wort eine Notwendigkeit bezeichnet, die in der Zukunft verwirktlicht werden muß. Das hat auch die deutsche Schule erkannt, und sie bereitet sich auf die neuen Aufgaben vor. Sie ist sich bewußt, daß die Erziehung der Jungen zum Flieger nicht früh genug beginnen kann.

In dieser Erkenntnis fanden sich Lehrerschaft und NSFK zusammen, und führten im Fliegerdorf Hirzenhain in der Zeit vom 4. bis 15. August den 1. Lehrgang für Segelflug-Modellbau für Lehrer durch. Ungefähr 20 Lehrer aus den Kreisen Biedenkopf und Dillenburg trafen sich, die Ferienzeit nützend, zu einer Arbeitsgemeinschaft. Bezirksturnwart Buß aus Wiesbaden und der Schulrat des Dillkreises eröffneten als Vertreter der Regierung den Lehrgang. Das NSFK war durch Oberscharführer Zulauf aus Hirzenhain, vom Sturm 10/75 vertreten, durch dessen tatkräftige Unterstützung die Durchführung des Lehrgangs technisch ermöglich wurde.

Die fachliche Leitung lag in der Hand von Hauplehrer Lückhoff aus Ewersbach. Seine langjährige Tätigkeit als Modellbaulehrer und seine reichen Erfahrungen, die bis auf die ersten Anfänge der Segelfliegerei in Hirzenhain zurückgehen, gaben ihm die Möglichkeit, jeden Teilnehmer so zu fördern und zu begeistern, daß er sowohl theoretisch wie praktisch für die kommende Arbeit in Schule und NSFK aufs beste vorbereitet ist. Auch die körperliche Ertüchtigung  wurde nicht vernachlässigt. Sport und Spiel lösten Lehrstube und Werkstatt ab und gaben den Teilnehmern neue Hinweise für die unterrichtliche Tätigkeit im Dienst der Leibeserziehung.

Der sichtbare Erfolg des Lehrgangs war eine beachtliche Anzahl von Modellen verschiedener Bauart, die im Saale Bender zu einer kleinen Schau zusammengestellt waren. Die umfangreichen Arbeiten für die Durchführung und äußere Organisation des Lehrgangs leistete Kreissportlehrer Kern aus Dillenburg. Am Freitag wurde der Lehrgang durch den Schulrat des Dillkreises geschlossen. Ein harmonisch verlaufener Kameradschaftsabend vereinte die Teilnehmer und einige Gäste im Saale Bender.


12 Stunden in der Luft

Zeitungsausschnitt aus der „Dill-Zeitung“ vom 12.August 1943

Eine hervorragende fliegerische Leistung vollbrachte am Sonnabend der Jungflieger Reinhard Bretthauer aus Frohnhausen, der sich zur Zeit in fliegerischer Sonderausbildung beim NS-Fliegerkorps befindet. So gelang ihm, im Rahmen eines Lehrgangs der Segelflugübungsstelle Hirzenhain ein Segelflugzeug vom Muster Baby II b fast 12 Stunden lang über den Bergen von Hirzenhain zu steuern. Er startete gegen 9 Uhr und landete gegen 21 Uhr. Bretthauer legte die A, B-und C-Prüfung in den Jahren 1941 und 42 in der Wochenendschulung des NSFK-Sturms 10/75 ab, erwarb den Luftfahrerschein Klasse I mit Flugzeugschleppgenehmigung bei der Segelflugstelle Limburg, und schaffte ebenfalls in Hirzenhain einen Dauerflug von über 5 Stunden, womit er die erste Bedingung für das große Segelfliegerabzeichen erfüllte.

Der so erfolgreiche junge Flieger gehört dem Jahrgang 1926 an, er lernte bei der Firma Gebr.Ernst in Herborn das Modellschlosserhandwerk und bestand dieser Tage seine Gesellenprüfung. Als Anerkennung für seine besondere fliegerische Leistung hat ihm die NSFK -Gruppe 11 Hessen-Moselland in Frankfurt a.M. ein Geschenk des NFSK-Sturms 10/75 Dillenburg  überreichen lassen.

Ferner gelang am gleichen Tage den Flieger-HJ- Angehörigen Winfried Vogelbusch aus Dillenburg, Karl Jakobi aus Simmersbach und Helmut Kunz aus Eibelshausen Dauerflüge von über 5 Stunden. Alle vier Jungflieger haben sich freiwillig zur Luftwaffe gemeldet.

Dauerflüge

Aus der Schulchronik vom 9.September 1943 von Lehrer Erich Jung

Auf der Segelflugübungsstelle Hirzenhain wurden im Monat August 220 Flugstunden Segelflug verzeichnet.

Das ist eine Rekordleistung, die alle bisherigen Monatsflugstunden übertrifft. Es wurden im Monat August allein 15 Prüfungsflüge mit über 5 Stunden Dauer ausgeführt. Der 17 jährige Flugschüler Reinhard Bretthauer aus Frohnhausen flog die längste bisher geflogene Zeit in Hirzenhain. Er flog am 7.8.1943 auf dem Muster „Grunau Baby“ 11 Stunden und 41 Minuten, und am 15.8. auf dem Muster „Röhnadler“ 11 Stunden und 10 Minuten.

Segelflug-Rekord

Aus der Schulchronik vom 27.April 1944 von Lehrer Erich Jung

Der Flugschüler Rudolf Knabe aus Frankfurt-Sachsenhausen konnte den von Reinhard Bretthauer am 7.8.1943 aufgestellten Geländerekord im Dauerflug bei böigem und regnerischen Wetter überbieten. Am 25.4.1944 flog er auf Typ „Röhnadler“ 13 Stunden und 2 Minuten und landete bei anbrechender Dunkelheit wohlbehalten, aber etwas durchfroren auf dem angegebenen Landeplatz.

Luftkämpfe über Hirzenhain

Aus der Schulchronik vom 20.Mai 1944 von Lehrer Erich Jung

Im ersten Vierteljahr des Jahres 1944 konnte man verschiedentlich, insbesondere bei den nächtlichen Angriffen der feindlichen Flieger auf die Städte Kassel und Frankfurt, brennend abstürzende feindliche Bomber beobachten. Bei dem Angriff auf Nürnberg steigerten sich die Abschüsse, die man von unserer Höhe gut beobachten konnte, sogar auf 20 und mehr. Auch im Dillkreis fielen bei diesem Angriff 6 brennende viermotorige Flugzeuge vom Himmel herunter. Schauerlich schön sahen solche gewaltigen Feuer am nächtlichen Himmel aus. Am 12.Mai führten nun die Amerikaner bei Tage einen Angriff auf Sachsen aus, der auf dem Hin- und Rückflug über unser Dorf führte. Die Schulkinder konnten, dank der zeitig gehörten Luftlagemeldungen und des Drahtfunks, früh genug nach Hause geschickt werden.

Zwischen 14 und 15 Uhr erschien nun ein amerikanischer Mustang-Jäger und zwei deutsche Me 109 in etwa 100 m über unserem Dorf und führten einen einige Minuten langen heftigen Luftkampf in niedrigsten Höhen zwischen Hirzenhain und Bahnhof aus. Die Salven der Bordkanonen bellten wiederholt über unserer friedlichen Landschaft, bis der amerikanische Jäger stark qualmend im Tiefstflug durch das Schwarzbachtal das Weite suchte, verfolgt von unseren beiden Jägern. Wie man hört, soll der Amerikaner über dem Westerwald abgestürzt sein. Gleichzeitig sah man vom Berg aus einen waidwund geschossenen viermotorigen Amerikaner mit zwei stehenden Motoren in etwa 100 m Höhe über Simmersbach talabwärts fliegen. Hinter dem Eibertshain in Richtung Weidelbach sah man dann eine Rauchsäule aufsteigen, die uns die Aufschlagstelle auch dieses Bombers anzeigte.

Wieder Segelflugrekord

Aus der Schulchronik vom 23.Juni 1944 von Lehrer Erich Jung

Der von dem Flugschüler R.Knabe aufgestellte Gelände-Rekord im Dauerflug wurde am 23.6.1944 weit überboten. Der erst 16-jähige Karl Dobener aus Hirzenhain flog, nachdem er schon mehrere Mal auf den Dauerrekord angesetzt hatte, von 7 Uhr 8 Min. bis 22 Uhr 6 Min., also 14 Stunden 58 Minuten.


16-jähriger flog 15 Stunden

Zeitungsausschnitt aus der Dill-Zeitung vom 26.Juni 1944

Einen großen Erfolg brachte der gestrige Tag dem heimischen NSFK-Sturm 10/75, gelang es doch dem 16-jährigen Handelsschüler Karl Dobener aus Hirzenhain im Rahmen eines Lehrgangs der Segelflugübungsstelle Hirzenhain, den vor einigen Wochen von dem Flugschüler Knabe aus Frankfurt a.M. aufgestellten Hangrekord von 13 Stunden um 2 Stunden zu überbieten. Mit einem Segelflugzeug vom Baumuster „Mü 13“ konnte er 15 Stunden in der Luft bleiben, eine großartige Leistung, die ein Höchstmaß an Härte und Ausdauer erfordert und wohl nicht so schnell überboten werden dürfte. Schon wiederholt hatte der erfolgreiche Jungflieger versucht, eine neue Hangbestzeit aufzustellen, bis seine Bemühungen gestern zum Ziel führten.

Somit wird der Rekord jetzt wieder von einem Angehörigen des heimischen NSFK-Sturms 10/75 gehalten, was für diesen nicht nur eine Ehrensache ist, sondern auch der schönste und erfreulichste Erfolg seiner unermüdlichen Arbeit an dem fliegerische Nachwuchs, den es zu Entschlossenheit, Mut und Ausdauer zu erziehen gilt. Eine weitere beachtliche Leistung konnte gestern auch der Jungflieger Wilfried Vogelbusch aus Dillenburg mit einem Dauerflug von 10 Stunden erzielen. Karl Dobener aber hat seinen Kameraden bewiesen, daß demjenigen der Erfolg nicht verzagt bleibt, der mit unermüdlichem Fleiß, mit äußerster Selbstbeherrschung und dem Willen zur Höchstleistung sein Ziel zäh verfolgt. Da solche Leistungen nur ganze Kerle vollbringen können, verdient der junge Flieger die Achtung der heimischen Öffentlichkeit.

Hirzenhain hört auf, Fliegerdorf zu sein

Aus der Schulchronik im Sommer 1945 von Lehrer Wilhelm Pliska

Bald nach ihrem Eintreffen stellten die Amerikaner die in der Flughalle untergebrachten 20 bis 30 Segelflugmaschinen in der Nähe der großen Halle zusammen und steckten sie in Brand. Die Gemeinde bestimmte Fuhrleute aus dem Dorf, die die Trümmer der ausgebrannten Maschinen in die „Wolfskehle“ fahren mußten. Uniformstücke, Schuhzeug, Bettwäsche, Geschirr, Schreibmaschinen, Möbelstücke, Mannschaftsschränke, Schemel und Stühle usw. wurden von der Dorfbevölkerung aus der Mannschaftsbaracke fortgeschleppt.
Die Militär-Regierung veranlaßte, daß diese Gegenstände wieder eingezogen wurden. Einige Lastwagen der Militär-Regierung holten das gesamte ehemalige Inventar der Baracke – soweit es die Bevölkerung zurück gegeben hatte – ab. Einige Maschinen (Kreis-und Bandsägen, Bohrmaschinen) haben Einheimische käuflich erworben. Die Mannschaftsbaracke wurde später mit Flüchtlingen belegt.

 

Anmerkung:

Nur eine Maschine, ein Grunau-Baby IIb, entging der sinnlosen Zerstörung durch die US-Truppen. Ein paar Jungs starteten das Baby im Juli 1945 “aus Versehen” am großen Hang. Am Steuerknüppel saß der 15 jährige Godwin Busch, der die Maschine ins Tal hinunterflog und ausgerechnet neben einer amerikanischen Fahrzeugkolonne eine Bruchlandung vollzog. Die Reste des Flugzeuges wurden dann in einer Scheune versteckt. Mittlerweile verbot der Kontrollrat die Herstellung und den Besitz von Luftfahrzeugen, aber die Begeisterung der Hirzenhainer Flieger hielt an.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.