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1936

Das „fliegende Dorf“ in der Ausstellung „Luftfahrt und Schule“ in Berlin — Ausscheidungswettbewerb für den Rhönsegelflugwettbewerb — Die Einweihung des Eschenburgturms —  Bau einer neuen Werkstatt durch den VFL Hirzenhain und Baubeginn einer große Halle am Nord-West Hang — Berichte in der Schülerzeitschrift „Hilf mit“

 

Hirzenhain im Rundfunk

Aus der Schulchronik vom 25.Februar 1936 von Emil Schäfer

Zu der in Berlin während des Monats Februar laufenden Ausstellung „Schule und Luftfahrt “ hat unsere Schule reichlich Material geliefert. Neben alten, ehrwürdigen Flugzeugteilen, teils noch aus dem Jahre 1923 stammend, kamen eine Anzahl moderner Modelle zum Versand. Neben vielen Bildern, Aufsätzen der Kinder, Erzeugnissen der Heimindustrie, sofern sie mit der Luftfahrt in Verbindung standen, erregte insbesondere ein von unseren Schulbuben erbautes Flugzeug mit einer Spannweite von 5 m erhebliches Aufsehen. Der Reichsluftfahrtminister Göring und der Reichserziehungsminister Rust haben bei der Eröffnung ihr lebhaftes Interesse für die in Hirzenhain geleistete Arbeit gezeigt. So ist es zu verstehen, dass mir der Auftrag erteilt wurde gemeinsam mit meinen Schulbuben anlässlich der Ausstellung im Deutschlandsender zu sprechen.

Es war nicht leicht, aus der Zahl der Schulkinder die Auswahl zu treffen, denn alle hatten sich rastlos für den Gedanken des Luftsports eingesetzt und an dem Aufbau der Ausstellung mitgearbeitet. Ich glaube aber gerecht gewesen zu sein, indem ich den Schüler Paul Göst, Sohn des Wilhelm Göst, bestimmte. So wurden dann unter allgemeiner Spannung die Reisevorbereitungen getroffen. Über meine Reiseeindrücke möge nachstehende Veröffentlichung in der Dill-Zeitung berichten. Der von uns aufgenommene Hörbericht wurde am 16. Februar 19:30 – 20:00 Uhr wiedergegeben.


Segelflugwettbewerb vom 21.-26.Juni

Aus der Schulchronik vom 4.Juni 1936 von Emil Schäfer

Wie im vergangenen Jahre, so findet auch 1936 der Ausscheidungswettbewerb für den Rhönsegelflugwettbewerb 1936 für die drei besten deutschen Luftsportlandesgruppen X, XI und XII in Hirzenhain statt. Das ursprünglich den Hirzenhainer Fliegern gehörige Lager ist nach einjähriger Verwaltung seitens der Luftsportlandesgruppe XI, in die Betreuung der Fliegerortsgruppe Frankfurt am Main übergegangen. Wenn es auch für uns, die wir das Lager mit viel Sorgen und Mühen in Zeiten schwerster Not entstehen ließen, einen bitteren Beigeschmack hatte, so müssen wir doch zugeben, dass die finanziell starke Luftgruppe Frankfurt am Main eher in der Lage ist, das Lager auszubauen und zu erweitern, als wir mit unseren geringen Geldmitteln.

So ist in den letzten Wochen ein neues Verwaltungsgebäude entstanden und bis zum Beginn des Wettbewerbs soll noch eine große 20 Flugzeuge fassende Halle gebaut werden. Es ist anzunehmen, dass der kommende Wettbewerb nicht nur ein trefflich vorbereitetes Lager vorfindet, sondern auch das bedeutendste westdeutsche Ereignis auf dem Gebiet des Segelflugsports wird. Die Lagerleitung hat, seit dem etwas plötzlichen Weggang des seitherigen Leiters Herrn Reinfeld, Herr Wilhelm, von der Luftaufsicht Frankfurt am Main übernommen. Jedenfalls kann man feststellen, dass wieder etwas getan wird, und es ist zu hoffen, dass damit Hirzenhain seinen guten Ruf als Fliegerschule wieder erlangt.

 

Eschenburg Turm und die Weihe am 20.Juni 1936

Aus der Schulchronik vom 24.April und 24.Juni 1936 von Emil Schäfer

Auf einem Berggipfel  in der Verlängerung unseres Segelhanges in der Gemeinde Nanzenbach  entsteht das neue Wahrzeichen des Dillkreises: ein 43 m hoher Holztturm auf einem mächtigen Unterbau aus Hirzenhainer Grünstein. Das Bauwerk, zu dessen Einweihung am 2. Mai 1936 der Führer kommen sollte, ist leider nicht rechtzeitig fertig geworden, so dass die Weihe auf spätere Zeit verlegt wurde. Doch jetzt schon erkennt man die Wucht dieses Baus. Seine Bedeutung für unsere Gegend und seinen Fremdenverkehr werden die wenigen Zweifler erst nach der Vollendung erkennen.

In unserer engeren Heimat drängen sich zwei bedeutungsvolle Ereignisse zusammen: Weihe des Eschenburgturms und Segelflugwettbewerb. Das erste Ereignis ist vorbei. Es ist viel vorher darüber geredet worden und es wird noch viel darüber geredet werden. Die stille Hoffnung, dass der Führer kommen werde, war schon vorher begraben worden. Aber dass der Reichsorganisationsleiter Dr. Ley käme, konnte man doch bei den bestimmten Versicherungen nahe stehender Männer annehmen.

Nun wurde einen Tag vor der Weihe die bauliche Genehmigung vertagt und darum blieb auch Dr. Ley aus. Die Feier an sich war schön. Ein Menschenstrom eilte durch den nächtlichen Wald, wie es in unserer Heimat kaum vorgekommen ist. Feierlich ragte der Bau, von Fahnen und Fackeln umrahmt, zum stillen Nachthimmel empor. Aber niemand durfte ihn betreten. Das war natürlich für die vielen, aus allem Gauen Deutschlands herbei geeilten Bergleute sehr schmerzlich. Ich selbst hatte am Tag vorher noch Gelegenheit, den Turm zu besteigen und mich an dem erhabenen Blick über die Berge und Täler unserer Heimat zu erfreuen. Unten birgt der Turm eine äußerst wertvolle Sammlung von seltenen Schätzen unserer heimatlichen Entwicklung. Es mag über den Turm geredet werden, sowie es die Menschen oft nur verstehen. Für mich steht fest, dass eine ungeheure Arbeit geleistet wurde, eine Arbeit, die man in späterer Zeit vielleicht besser schätzen wird. Für uns Hirzenhainer ist interessant festzuhalten, dass der frühere Hirzenhainer Hauptlehrer R. Kirchhoff den größten Anteil an dieser Arbeit gehabt hat.


Westdeutscher Segelflugwettbewerb 1936

Aus der Schulchronik vom 30.Juni 1936 von Emil Schäfer

Am 21. Juni begann der diesjährige Ausscheidungswettbewerb für die Rhön. Insgesamt 26 Flugzeuge stellten sich der technischen Kommission zur Abnahme. Wir hatten die Befriedigung, dass unser Rhönbussard „Glück auf“ als erstes und einziges Flugzeug ohne jegliche Beanstandungen zugelassen wurde. Infolgedessen konnte unser Segelflieger Lehrer Erich Jung, Steinbrücken, auch als erster starten. Er hatte das Glück, gleich den besten und höchst bewertesten Flug auszuführen und damit das Leistungsabzeichen zu erwerben. Auch unser zweiter Pilot Albert Emmerich, Hirzenhain, schlug sich tapfer. War ihm vor einigen Wochen schon ein Flug von 52 km Strecke und annähernd 1000 m Höhe gelungen, so konnte er diese Leistung jetzt noch überbieten.

Es war erfreulich festzustellen, dass gerade unsere Hirzenhainer Kameraden mit seltenen Eifer bei der Sache waren. Musste doch unser Kamerad Walter Schneider einige 1000 km mit dem Transportwagen zurücklegen, die „Ausgeflogenen“ wieder heim zu fahren. So war dieser Wettbewerb der größte fliegerische Erfolg, den wir bisher erreichten. Unsere Flugzeuge lagen von allen Maschinen der Landesgruppe XI an der Spitze. Als Auswirkung dieses Erfolges ist der Beitritt von 49 Jungen zur Luftsportschar Hirzenhain zu buchen. Nachfolgende Zeitungsberichte melden Einzelheiten in zeitlicher Folge.


Das Segelfliegerdorf in der Schülerzeitschrift „Hilf mit“

Aus der Schulchronik vom 20.November 1936 von Emil Schäfer

Die in einer Auflage von 2.300.000 Stück erscheinende Schülerzeitschrift „Hilf mit“ brachte in der Oktober- und November-Nummer je einen Bildbericht über das  Werden unserer Segelflugbewegung. Wenn auch der Bericht in seiner Kürze niemals alle Einzelheiten aus dem Verlauf der dreizehn Jahre dieser Entwicklung bringen kann, so ist die Darstellung doch den Tatsachen entsprechend. Sie soll darum in der Anlage beigefügt werden. Mit Dankbarkeit gedachte ich dabei meiner lieben Freunde Heinrich Moos, über dessen Wirken und Tod das Buch bereits berichtet hat, und der noch lebenden Lehrer Erich Jung, Steinbrücken (Dillkreis) und Wilhelm Mittler, Lixfeld (Kreis Biedenkopf). Alle drei haben in ganz besonderer Weise für unsere gemeinsame Sache nicht nur gearbeitet, sondern geopfert. Wenn wir unser so mühsam erbautes Werk auch im Interesse eines größeren Zieles abgeben mussten, so wissen wir doch, dass wir nicht umsonst gearbeitet haben, sondern einen wesentlichen Teil für die Wiederaufrichtung der heutigen Luftfahrt beigetragen haben.

Aber auch die Namen derer seien hier festgehalten, die aus den Dorfbewohnern frühzeitig zu uns fanden und ebenfalls ihren Teil Arbeit geleistet haben. 1923 waren es neben Lehrer Moos der Schreinermeister Ernst Weigel, der Schmiedemeister Heinrich Göst und der Elektromonteur Rudolf Baum. Ernst Weigel, immer einer der begeistertsten Anhänger des Gedankens, konnte leider den Erfolg nicht mehr sehen. So blieb sein einziger und letzter Wunsch an dieses Leben unerfüllt. Für uns aber soll sein Streben nicht vergessen sein. Heinrich Göst ist uns alle die schweren Jahre treu geblieben und flog selbst noch die A-Prüfung. Wenn er auch heute nicht mehr aktiv ist, so hat er doch besonders in den Anfangsjahren, als uns alle verlachten, viel wertvolle Arbeit geleistet. Rudolf Baum, in den ersten Jahren mit uns arbeitend, verließ uns dann, als nur Misserfolge zu verzeichnen war. Trotzdem war auch seine Arbeit wertvoll und soll darum ebenfalls festgehalten werden.

Ebenfalls noch in der Zeit der Misserfolge fand Walter Schneider, bei seinem Vater als Klempner tätig, den Weg zu uns und ist bis zum heutigen Tage einer der treuesten Anhänger. Neben ihm haben sich der Steinhauer Wilhelm Bieber, der Steinarbeiter Albert Emmerich, der Former  Adolf Franz und der Sattler Fritz Schneider verdient gemacht. Ihnen zuzurechnen ist der Steinarbeiter Fritz Weigel, der uns allerdings verlassen hat. Zwei treue Kameraden entriss uns der Tod: Hermann Bieber, Schuhmacher, und Emil Emmerich, Bergmann. Ersterer erlitt den Fliegertod, Letzterer verunglückte tödlich an der Windmühle. Besonderes Verständnis unserer Arbeit und entsprechende Unterstützung fanden wir bei der Inhaberin des Gasthauses Stoll , Frau Auguste Stoll.

Wenn ich diese Namen in diesem Buche besonders festhalte, so tue ich dies auch deswegen, weil ich mir darüber klar bin, dass meine in den anliegenden Berichten erwähnte Arbeit nur durch ihre Mithilfe ermöglicht wurde. Wenn ich ihnen an dieser Stelle danke, so auch meinem Amtsvorgänger Reinhard Lückhoff, der ebenfalls frühzeitig die Bedeutung unseres Strebens erkannte und seinen Teil zum Gelingen der Sache beitrug. Auch als Leiter der Volksschule Straßebersbach setzt er sich wieder für die Fliegerei ein und pflegt den Modellbau bei seinen Schülern.

So hat unsere Arbeit nicht nur für Hirzenhain Bedeutung, sondern weit über das Heimatgebiet hinaus für unser ganzes Volk. Aus allen Gauen schrieben wissbegierige und interessierte Jungen auf die Aufsätze in „Hilf mit“ hin. Sie alle suchen Rat und Hilfe und möchten einen „Flieger“ (gemeint ist natürlich Flugzeug) bauen.


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