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1933

Ein neuer Segelflugwettbewerb ist in Sicht — 35 Flugzeuge nehmen an dem Wettbewerb teil — Der Wilhelmsturm wird umflogen — Viele Überlandflüge werden ausgeführt — Hirzenhain gewinnt den Mannschaftswettbewerb.

Ein neuer Segelflugwettbewerb in Sicht

Aus der „Schulchronik“ vom 25.August 1933 von Lehrer Lückhoff

Nachdem die Umgruppierung und Gleichschaltung aller leibesübungstreibenden Verbände in nationalsozialistischem Geiste vollzogen worden ist, hat auch die deutsche Fliegerei ein einheitliches Gesicht bekommen, ein Dach unter dem nun alle schützend wohnen sollen, den „Deutschen Luftsportverband“. Der alte D.L.V. ist aufgelöst und den im neuen D.L.V. organisierten Flieger ein neues Ehrenkleid verliehen worden, eine grau-blaue Uniform.

Die Führer der Landesgruppe VII., zu der wir gehören, waren schon hier, und mit viel Freude hat man Kenntnis genommen von dem wunderbaren Gelände. In Verbindung mit den örtlichen Führern hat man einen neuen Wettbewerb der gesamten Landesgruppe ausgeschrieben, der im September  ausgetragen wird. Derselbe soll an Umfang den ersten Wettbewerb vom Vorjahr noch übertreffen, da man erwartet, daß auch hochwertige Leistungsmaschinen daran teilnehmen werden. Die Vorbereitungen sind im Gange und mit viel Spannung und Erwartung sehen wir den Dingen entgegen.


Der Wettbewerb

Aus der „Schulchronik“ vom 10.September 1933 von Lehrer Lückhoff

Hirzenhain im Festtagsglanz.
Die Fahnen des neuen Reiches wehen von den Masten und Häuserfronten, Girlanden überspannen in breiten Fronten die Straßen und drüben am Hang wogt ein Fahnenwald. Sonnenschein in flutender Fülle liegt auf den Bergen und es passt alles, um das Fest zu verschönen. Die alte Wiese gleicht einem riesigen Jahrmarkt. Ein Riesenzelt steht auf der „Pfarrwiese“, bergend in seinem Schoße die vielen Maschinen, die zum Kampfe herbeigekommen sind, bietet aber auch Obdach für die Fliegerschar. Von den 42 gemeldeten Maschinen sind etwa 35 erschienen, eine Zahl, mit der hier niemand gerechnet hätte.

Am Berg herrscht Hochbetrieb. In langen Reihen zu beiden Seiten der aufgeforsteten  Schutzheckenkultur hatte man die Flugzeuge aufgestellt. Da man den Gauleiter Sprenger zur Eröffnung des Wettbewerbs erwartet, darf kein Flugzeug starten.
Von allen Seiten und auf allen Straßen und Feldwegen strömen die Menschen herbei. Die absperrende S.A. hat die Hände voll zu tun, um allen „Eindringlingen“ noch eine Eintrittskarte zu verpassen. Um 2 Uhr sollte die Eröffnung des Wettbewerbes steigen. Die Mengen warten vergebens. Der riesige Lautsprecher des Radio-Ax, Dillenburg spielt lustige Märsche und Weisen und muß für die Unterhaltung der Wartenden sorgen, die sich in dem ebenfalls am Berg befindlichen großen Wirtschaftszelt von Metz, Eiershausen Erfrischungen reichen lassen. Es wird 4, 5 Uhr und der Gauleiter ist noch nicht da. Endlich – nach dem schon viele Gäste den Heimweg angetreten haben – kommt er. Von Ortsgruppen-Leiter Mittler begrüßt, spricht der Gauleiter in anerkennenden Worten von den bisherigen Erfolgen der heimischen Segelfliegerei und tut uns kund, daß dieser Wettbewerb alljährlich hier in Hihai stattfinden soll. Nachdem er noch die Front der  ausgerichteten Flugzeuge und Mannschaften abgeschritten und auch den anderen Formationen gebührenden Beachtung geschenkt hatte, fuhr er wieder davon.

Der Wilhelmsturm in Dillenburg wird umflogen

Aus der „Schulchronik“ vom 14.September 1933 von Lehrer Lückhoff

Eine Glanzleistung. Der Wettbewerb sah in seinem Ausschreibungsprogramm einen Fernzielflug vor. Es sollte von hier aus die Stadt Dillenburg überflogen, der Wilhelmsturm umkreist und in hiesigem Gelände wieder gelandet werden. Nachdem es unser Wiegmeyer schon einmal probiert hatte (er musste leider in Dillenburg am Köppel landen) gelang es heute dem Flieger Fischer von der Akademischen Fliegergruppe Darmstadt, als 1. den Wilhelmsturm zu umfliegen und wiederum nach Hirzenhain zurückzukehren. – aber auch unser Wiegmeyer hat das Heldenstückchen ausgeführt, wenn auch einige Stunden später, – aber – es gelang auch ihm.
Mögen sie sich den Ruhm – aber auch die Siegesbeute teilen.

Überlandflüge

Aus der „Schulchronik“ vom 18.September 1933 von Lehrer Lückhoff

Was bei einem Wettbewerb alles herauskommt. Die beiden Rivalen Fischer und Wiegmeyer lagen täglich auf der Lauer. Endlich brachte ein Tag die  ersehnten dicken Kumuluswolken. Nachdem beide erst längere Zeit über unseren Höhen gekurvt, und die erforderliche Höhe erreicht hatten, war der  Wolkenanschluss geglückt. Eine dicke Wolke nahm die beiden auf, so daß sie zeitweise den Blicken entschwanden. Dann segelten sie mit der Wolke davon. Wohin? Wo werden sie landen? Das waren die bangen Fragen der Zurückbleibenden. Gegen Abend meldete das Telefon: Wiegmeyer ist in Gießen (Flughafen) und Fischer in der Nähe von Hanau glatt gelandet.

Ersterer hatte ungefähr 40 km, letzterer 75 km zurückgelegt. Abmontiert und auf einem Transportwagen trafen am nächsten Morgen die Maschinen mit ihren tapferen Piloten hier ein und wurden gebührend zu ihrem Erfolg beglückwünscht.

Der Ausklang des Wettbewerbs

Aus der „Schulchronik“ vom 28.September 1933 von Lehrer Lückhoff

Bei herrlichem Herbstwetter und bei fast völliger Windstille ging der Wettbewerb zur Neige. Wiegmeyer hatte am Morgen noch einen Start versucht, aber er konnte sich nicht lange halten und größere Leistungen waren am Tag nicht mehr zu erwarten. Um so mutiger wurde auf Punkte geflogen. Da auch die Motorflieger zum würdigen Abschluss auf der Viehweide gelandet waren, benutzte man die Gelegenheit, um Rundflüge über Hihai und Umgebung auszuführen, eine Gelegenheit, die mancher ausnutzte, um die schöne Heimat aus der Höhe zu betrachten. Auch einige Kunstflüge zeigte unser allgemein geschätzter Fluglehrer Wiegmeyer, indem er sich mit einem Flugzeug aus den Simmersbacher Wiesen hochschleppen ließ, ausklinkte und dann einige Loopings mit dem Segelflugzeug „Rhönbussard“ ausführte. Die wiederum sehr stattliche Besucherzahl kam also doch auf ihre Rechnung. Gegen 6:00 Uhr war Schluß.
Der Führer der Landesgruppe VII, der mit seinem Stab erschienen war, gab in seiner Schlussansprache der Hoffnung Ausdruck, daß nunmehr alljährlich hier in Hihai das Treffen zum friedlichen Wettkampf aller angeschlossenen Fliegergruppen stattfinden solle, da es auch dieser Wettbewerb wieder einmal gezeigt habe, daß nur in der kameradschaftlichen Zusammenarbeit unsere deutsche Fliegerei  erblühen werde.

Die im Gasthaus Stoll versammelten Schiedsrichter hatten nun nach mehrstündiger harter Arbeit den einzelnen Gruppen ihrer Siegespreise zuerkannt. Im Einzelwettbewerb blieben natürlich 1. Fischer, Darmstadt, und 2. Wiegmeyer, Hirzenhain, an der Spitze. Im Mannschaftswettbewerb war Hirzenhain mit führender Punktanzahl an der Spitze. Ein froher Abschluss mit Tanzbelustigung belohnte die abgekämpfte Fliegerschar und hielt auch die Dorfbewohner noch bis in die späte Nacht hinein beim Klang der lustigen Tanzweisen zusammen.


Der Segelflugwettbewerb aus Sicht der Presse

Zeitungsausschnitte aus der „Siegener Zeitung“ vom 13.-16.September 1933

Auftakt in Hirzenhain

Der große Segelflugwettbewerb der Landesgruppe Südwest nahm seinen Anfang. Obwohl die Windverhältnisse nicht besonders günstig waren, wurden durchweg recht beachtenswerte Erfolge erzielt, die zu den schönsten Hoffnungen berechtigen. Die Fliegergruppen beschränkten sich zu Beginn zuerst einmal auf das Einfliegen der Maschinen. Am Wasserbehälter traten etwa 10 Maschinen an. Es wurden dann eine Anzahl Punktflüge durchgeführt. An der Spitze lag die Gruppe Wiesbaden, die allein 6 A-Prüfungen ablegen konnte.
Hinzu kommen noch einige B-Prüfungen anderer Gruppen. Die Hirzenhainer Gruppe konnte auf dem neuen Segelflugzeug „Prinz von Oranien“ einen Flug von 89 Minuten erzielen. Von Darmstadt ist noch eine Gruppe eingetroffen, sodaß jetzt 22 Maschinen am Startplatz liegen. Man rechnet für die nächsten Tage auf günstiges Flugwetter.

Von Hirzenhain nach Dillenburg

Bei äußerst günstiger Witterung setzte im Fliegerdorf Hirzenhain ein lebhafter Flugbetrieb ein. In den frühen Morgenstunden begannen die Starts, und alsbald konnte man 5-10 Flugzeuge in den Lüften sehen, die zeitweise in dem dichten Wolkenmeer verschwunden waren. Das Wetter klärte sich in den Nachmittagsstunden erheblich auf, daraufhin wurde der Flugbetrieb noch lebhafter. Der äußerst günstige Nordwestwind fegte über das Hirzenhainer Fluggelände und spornte die jungen Flugpioniere zu neuen Taten an. Der Tag brachte einen vollen Erfolg und etwas, dass man bisher für unmöglich gehalten hatte, nämlich den Flug nach Dillenburg und die Umkreisung des historischen Wilhelmsturms. Nachdem am Nachmittag mehrere Stundenflüge durchgeführt worden waren,–unter andern ein 3-Stundenflug –, versuchte der bekannte Fluglehrer Wiegmeyer einen Flug nach Dillenburg. Er umkreiste auch den Wilhelmsturm, musste dann aber in der Nähe der Stadt landen.
Dann gelang es dem jungen Segelflieger Fischer von der Gruppe Darmstadt  nach Dillenburg zu fliegen, den Wilhelmsturm zu umkreisen und wieder zum Ausgangspunkt, dem Startgelände bei Hirzenhain, zurückzukehren. Die Leistung wird in Fachkreisen als sehr bedeutend angesehen, da dieses Kunststück bisher noch niemand fertig gebracht hat. Der bekannte Flieger Jung versuchte dann ebenfalls diesen Flug, mußte aber im Dietzhölztal notlanden. Im ganzen wurden 28 Starts durchgeführt. Die Segelfliegergruppe Bonn erreichte 53 Punkte und damit die Höchstzahl. Am Mittwoch konnte Hirzenhain selbst die Spitze halten. Eine ganze Anzahl von A-und B-Prüfungen wurden abgelegt. Der Besuch der Zuschauer war in den letzten Tagen sehr stark.

Langstreckenrekorde in Hirzenhain

Der Freitag brachte im Fliegerdorf wieder erhöhte Aktivität und größte Erfolge. Bei zeitweise besten Windverhältnissen starteten in den Morgenstunden eine Anzahl Flieger. Zeitweise  waren 8 Maschinen in der Luft, ein für Hirzenhain bisher noch nicht erlebtes Ereignis. Man erreichte außerordentliche Höhen, stellenweise verschwanden die Maschinen in dem Wolkenmeer. Der junge Flieger Fischer vollführte wieder eine außerordentliche Leistung. Es gelang dem Flieger vom Startplatz aus einen Langstreckenflug bis Flammersbach bei Haiger auszuführen, wo er leider niedergehen mußte.
Dem bekannten Fluglehrer Wiegmeyer gelang es Dillenburg zu erreichen, und den Wilhelmsturm zu umfliegen. Auch er kehrte nach Hirzenhain zurück. Die Bedingungen des Wettbewerbs wurden auch von Wiegmeyer erfüllt. Mehrere Stundenflüge wurden ausgeführt, eine Anzahl C- B- und A-Prüfungen wurden abgelegt. Wiesbaden lag bis heute im Zielflug an der Spitze.

Fliegerschule Hirzenhain

Aus der „Schulchronik“ vom Oktober 1933 von Lehrer Lückhoff

Seit Mitte August ist ein Fliegeroberleutnant – Herr Klußmann – hier anwesend, welcher die Vorbereitungen trifft, um einen Fliegerlehrgang für die HJ durchzuführen. An mehreren Segelflugplätzen sollen jetzt solche Lehrgänge abgehalten werden, um die künftigen Flieger schon durch die HJ zu erfassen. Man nennt diese mit der Durchführung betrauten Stellen „Gebietsfliegerschulen“. Nach Beendigung dieser Vorschulen, die auch auf militärische und körperliche Ertüchtigung große Sorgfalt verwenden – werden die jungen Leute in darauf folgenden weiteren Schulen – so z.B. in Nürnberg – weiter ausgebildet, um den für den künftigen „Fliegerbedarf“ notwendigen Ersatz bereitzustellen. Seit Mitte September rücken nun schon die jungen Leute hier heran, täglich treffen neue ein und eine Schar von etwa 40 braunen Jungen haben sich als Führer dem Ikarus verschrieben. Möge es den Anfang der „Fliegergarnison Hirzenhain“ bedeuten.

 

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