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1931

Der erste tödliche Absturz–Ein Vertreter des Reichsverkehrsministers landet in Hirzenhain — Auswärtige Flugvereine kommen zum Schulen — Erste Segelflugwoche unter Beteiligung von A.Freusberg aus Düsseldorf und R.Kronfeld aus Wien.

 

Fliegertod am 4.1.1931

Aus der „Schulchronik“ vom 15.Januar 1931 von Lehrer Lückhoff

Der erste tödliche Absturz – das erste Opfer auf diesem Gelände. Heinrich Eckardts aus Bebra, Mitglied der akad. Fliegergruppe Friedberg, ein hoffnungsvoller und begabter Flieger – ihn hat das Fliegerschicksal erreicht. Seine fliegerische Laufbahn hatte als junger A-Pilot auf unserem Gelände begonnen. Die Rhön-Wasserkuppe hatte ihm weitere Leistungen (B-u.C-Prüfungen) ermöglicht.Sein sicheres Können und seine bisherigen glänzenden Leistungen veranlassten ihn, einem wohl etwas zu starken Wind die Stirn zu bieten.

Im hinteren Kurzbeul-Wolfskehle wurde seine Maschine von einer Böe erfasst und mit großer Wucht in die Bäume geschleudert. Nur Splitter blieben davon übrig. Er selbst aber blieb mit zerschmetterten Gliedern liegen. Ärztliche Hilfe war bald da. Im Krankenhaus zu Dillenburg starb er am nächsten Tag. Fliegerschicksal.


Der Vertreter des Reichsverkehrsministers landet im Motorflugzeug

Aus der „Schulchronik“ vom Juni 1931 von Lehrer Lückhoff

Wohl waren bisher schon 2 Motorflugzeuge auf der Viehweide bei den „Kalkbäumen“ gelandet, aber dieses Flugzeug sah man mit ganzer Spannung kommen. Herr Hptm. Geyer, als Vertreter des Reichsverkehrsministers kam von dem großen Jungfliegertreffen des 1.Pfingsfeiertages aus der Rhön und wollte sich das viel gerühmte Fliegerdörfchen einmal ansehen.Außer den Vertretern der lokalen Behörden (Landrat usw.) waren am Landeplatz eine große Zuschauermenge erschienen.
Man erwartete von dem Herrn, daß er auch für Hirzenhain einmal den großen Staatssäckel aufmachen würde, aber – auch dieser Herr bekundete uns, daß der Staatsgeldbeutel leer sei. Das war sehr betrüblich.

Es war – wie es immer war. Für Hihai großes Interesse, fabelhaftes Gelände, aber – kein Geld. Bedauerlich.


Auswärtige Flugvereine kommen zum Schulen

Aus der „Schulchronik“ vom 1.September 1931 von Lehrer Lückhoff

Nach dem im vorigen Jahr die Fachschule für Industrie aus Düsseldorf mit 20 jungen Leuten hier unter Leitung von Kollege Schäfer erfolgreiche Flugübungen veranstaltet hatten, kamen in diesem Jahr auch solche Schüler von der Kreisstadt Moers am Rhein. Aus den verschiedensten Berufsständen und Schulen war eine Gruppe von jungen Anfängern zusammengestellt, die unter Leitung von einem vorjährigen Düsseldorfer Schüler (jetzt erfolgreicher C Flieger) in die Anfangsgründe des Fliegens eingeweiht wurden. Zahlreiche A und B Prüfungen wurden abgelegt und die Gruppe zog befriedigt wieder in ihre Heimat zurück.


Regen und Segelflug auf der Hirzenhainer Höhe

Bericht aus dem „Herborner Tageblatt“ vom 7.September 1931

Der für den gestrigen Sonntag vorgesehene große Segelflugtag konnte leider wegen ungünstiger Witterung nicht programmmäßig zur Durchführung gelangen. Immerhin wurde vorzüglicher Segelsport geleistet, so daß die etwa 1000 Zuschauer, die sich trotz trübem Horizont auf der Hirzenhainer Höhe eingefunden hatten, vollauf auf ihre Rechnung kommen konnten. Zu einem Großflugtag waren alle Vorbereitungen getroffen.
Eine Anzahl Segelflugzeuge lagen startbereit am Eiershäuser Hang. Leider konnten nicht alle Segelflugzeuge starten, die Witterung war zu ungünstig. Als ein lichter Augenblick zu kommen schien, wurde zunächst die Taufe von zwei Segelflugzeugen vorgenommen. Den Taufakt vollzog Hauptlehrer Lückhoff aus Hirzenhain. In seiner Ansprache führte er unter anderem aus:

Welch freudiges Ereignis, eine Flugzeugtaufe innerhalb eines Vereins für Luftfahrt. Zuwachs innerhalb des Geschwaders, das weitet die Brust, das läßt die Herzen der jungen und alten Piloten höher schlagen, denn die Aussichten auf vermehrte Übungs- und Ausflüge werden größer. Wenn man sich nun, wie wir heute, in der glücklichen Lage sieht, zu gleicher Zeit zwei neu erbaute Maschinen, ihrer feierlichen Zweckbestimmung zu übergeben, und zwar an einem Tage, der in der Entwicklungsgeschichte des Vereins ein bedeutungsvoller Markstein bedeutet, dann ist die Freude doppelt groß. In großer dankbarer Freude schauen wir rückwärts, aber auch gegenwärts, trotz allen äußeren Einflüssen einer furchtbaren, zwingenden Notlage unseres Volkes, mutig aufblickend in eine Zukunft, die zwar heute noch sehr dunkel aussieht, die aber für unsere Ziele und Aufgaben gesehen, einen glaubensstarken Ausblick gewährt, den ich den neuen zu tausenden Flugzeugen zum Weihegruß entbiete:

„Der Flugsport, aus kleiner Quelle entsprungen, wallt jetzt als freudiger Strom durch Deutschlands Gaue; er wird ein verbindender See werden, ein gewaltiges Meer, was einmal die Völker der Erde miteinander verbindet.“

Wenn wir zurückschauend die kurze Zeit der Entwicklung übersehen, seit jenen Tagen, an denen die Pioniere der Segelfliegerei an den Hängen der Rhön den neuen Sport,  den Flugsport weiter führten, den einst Altmeister Otto Liliental begründete, dann können wir wohl berechtigter Weise ausrufen: Der Segelflug, aus kleiner Quelle entsprungen, wallt jetzt als freudiger Strom durch Deutschlands Gaue. Davon legen die zahlreichen Flugvereine und Jungfliegergruppen Zeugnis ab, dafür sprechen die Zahlen: 7000 Jungflieger und 1200 Segel- und Gleitflugzeuge in Deutschland. Ist nicht die Entwicklungsgeschichte des Segelflugs in Hirzenhain in paralleler Linie verlaufen? Und heute schicken wir uns an, mit berechtigtem Stolz 2 neue, schmucke Maschinen ihrer Zweckbestimmung zu übergeben.

In dieser Freude danken wir all denen, die uns die Möglichkeit geboten haben, zu diesem Erfolge zu kommen. Wir danken in erster Linie der umsichtigen, tatkräftigen Führung des Vereins, Direktor Neuschäfer, und dem nimmermüden Geschäftsführer Leydhecker, der in vorbildlicher Treue und Gewissenhaftigkeit auch den heutigen Tag vorbildlich gestaltete.
Wir danken den beiden Fluglehrern Schäfer und Mittler als den beiden Energiequellen jeglicher fliegerischen Betätigung hierselbst. Wir danken aber auch unserern lieben jugendlichen Helfern für den großen aufgewandten Fleiß und Ausdauer, mit der diese beim Bau der Maschinen gewirkt haben, ganz besonderes unserem fleißigen und emsigen Albert Emmerich und Heinz Holstein, sowie den Düsseldorfer Erbauern der „Biene“ Freusberg und Fett. Dank sei aber auch in gleichem Maße an dieser Stelle ausgesprochen den Gemeinden Hirzenhain, Eiershausen und Simmersbach, die in großer Langmut und Geduld die fliegerischen Betätigungen, die sich zuweilen auf den grünenden Fluren sogar verheerend auswirken können, in bestmöglichster Weise gefördert haben. So möge denn unter der Anteilnahme vieler hergekommener Kameraden unserer befreundeten Vereine im Beisein vieler interessierter Kreise unserer Heimat die Indienstnahme und Taufe geschehen:

„zum Flugzeug Hirzenhain“

Trage den Namen der Heimat, von der man behauptet, es sei das Fliegerdorf Deutschlands, über recht viele Berge und Täler der engeren Heimat dahin, künde der Jugend von zähem, mutigem Ringen und kühnem Wagen um ein sicheres Können, und lehre sie in rechter Weise verstehen das  Wort: „Aus der Heimat alle Kräfte, für die Heimat alle Kraft“

„zum Flugzeug Biene“

Fleiß, unermüdlicher Fleiß schufen Dich, aus formloser Masse ein Kunstwerk des Geistes. Fleiß, unermüdlicher Fleiß verleihe Dir Antrieb und Kraft, der Biene gleich in emsigem Fluge die Höhen der Heimat zu durchmessen, aus ungeahnten Höhen schauend der Heimat liebliches Bild. Kehre zurück zu den Bergen, die zu ihren Füßen blumige Wiesen tragen. Auf deren Höhen blühende, rote Heide dich grüßt, kehrst du zum Stocke zurück. Kameraden, schließt die Reihen und stimmt mit mir ein in den Ruf: Den neuen Flugzeugen „Hirzenhain“ und „Biene“ ein dreifaches „Glück ab“.

Den Taufakt selbst vollzogen für das Flugzeug „Hirzenhain“ der Bürgermeister von Hirzenhain, für das Flugzeug „Biene“ Fräulein Maydenbauer aus Bonn.

Alsdann startete Flugzeug „Biene“, von Freusberg geführt, um etwa 1 Stunde in der Höhe zu bleiben. Sicher und majestätisch umkreiste „Biene“ das Fluggelände, oft im düsteren Wolkenmeer verschwindend. Die Landung ging glatt vonstatten in der Nähe von Eibelshausen. Wilhelm Bieber aus Hirzenhain, startete dann mit seinem Flugzeug „Jung Stilling“, musste aber nach kurzem Flug nächst Eiershausen niedergehen.

Robert Kronfeld, der wegen des ungünstigen Wetters nicht, wie vorgesehen, mit seinem Segelflugzeug „Wien“ im Schleppzug vom Flugplatz Gießen kommen konnte, hatte seine „Wien“ im Transportauto auf die Hirzenhainer Höhe bringen lassen. Kronfeld startete mit seinem Segelflugzeug „Wien“, mit dem er seinerzeit den Ärmelkanal überflogen hatte, und führte sein Flugzeug sicher durch die Höhen, trotz Regen und Böen. Während Kronfeld noch in den Lüften weilte, zeigte auch ein Motorflieger mit einer Siemems-Klemm-Maschine waghalsige Kunstflüge; es war der Flieger Bielmayer, Kronfelds Monteur. Kronfeld hatte die Absicht, mit seiner „Wien“ nach Gießen zu fliegen, musste aber bei Werdorf landen, weil mittlerweile fast völlige Windstille eintrat, was sich schon bemerkbar machte, als Kronfeld noch über Hirzenhainer Gelände war.
Die weiteren Veranstaltungen wie Modellwettbewerb der Segelflugmodelle, Start einer Anzahl Segelflugzeugtypen und Passagiersegelflüge mussten leider wegen der ungünstige Witterung unterbleiben. Trotzdem kann man wohl sagen , daß das Programm in seinen wichtigsten und interessantesten Teilen zur Durchführung gekommen ist.

Der Besuch war in Anbetracht der unsicheren und regnerischen Witterung überraschend gut, ein Beweis, dass man dem Segelflugsport auch in weiteren Kreisen der Bevölkerung immer größeres Interesse entgegenbringt. Auf dem Fluggelände selbst, am Startplatz Eiershäuserhang, war ein Zelt aufgeschlagen, das willkommenen Schutz bot bei Auftreten von Witterungsunbilden. Auch die Waldungen wurden als Schutzstelle reichlich benutzt. Für Restaurationsbetrieb war bestens Sorge getragen. Mittels Lautsprecher wurde Musik übertragen, meist flotte Marschmusik, die das „Wasserwetter“ etwas verschmerzen ließ. Der umfangreiche Absperr-und Sanitätsdienst war mustergültig. Von irgendwelchen Unfällen blieb die Veranstaltung glücklicherweise verschont.

Auf den Verlauf des Flugtages kann der Verein für Luftfahrt Hirzenhain mit Stolz zurückblicken und dankbar soll anerkannt werden, dass der Verein trotz ungünstiger Wetterlage das gehalten hat, was versprochen worden ist. „Glück ab“ für die nächste Veranstaltung.

Robert Kronfeld fliegt in Hirzenhain am 6.September

Aus der „Schulchronik“ vom 10.September 1931 von Lehrer Lückhoff

Den Bemühungen unseres Fluglehrers Schäfer ist es gelungen, den in aller Welt  bekannten Segelflieger Robert Kronfeld aus Wien für einen Flugtag zu verpflichten, welcher am Sonntag stattfand.
Robert Kronfeld ist bekannt geworden durch seine großen Streckenflüge von der Rhön aus und als der 1. Überflieger des Ärmelkanals. Große Vorbereitungen waren für den Tag getroffen. Wochenlange Werbetätigkeit in Presse und durch Anschlag ging voraus. Verkehrseinrichtungen waren getroffen, und die Feuerwehren von Hirzenhain und Eiershausen hatten  die Kartenausgabe usw. übernommen!

Auch unsere einheimischen Flieger hatten zu großen Taten gerüstet. Drei neue Flugzeuge, davon zwei in der Werkstatt der hiesigen Flughalle gebaut, sollten ihre Taufe empfangen. Am Eiershäuser Berg waren große Zelte aufgeschlagen, um den auswärtigen Gästen Erfrischungen darbieten zu können. An ein Misslingen der Taufe durch die Ungunst der Witterung glaubte niemand. Und wie kam’s? Schon tags zuvor und in der vergangenen Woche war unbeständiges Wetter.
Schon glaubte man am Vormittag, das Wetter würde sich aufklären, aber da setzte gegen Mittag derartiger Regen und zuweilen Nebel ein, daß man ein Gelingen, ja überhaupt ein Kommen der Flieger für unmöglich hielt. Und immer wieder fuhren neue Lastautos und Kraftstoffwagen vor und brachten Gäste mit, wie sie wohl Hirzenhain noch nie an Zahl gesehen hat. Dabei herrschte eine Kälte und ein Wind, daß die Leute nur so klapperten. Unmutig irren die Leute umher, laufen am Berg herum, stehen in Gruppen im Walde und schimpfen auf diesen Blödsinn, der sie hier herauf gelockt hat oder sitzen in den Lokalen und im Zelt und tun desgleichen.

Da kommt Kronfeld mit seinem Auto an und schleppt sein Flugzeug „Wien“ auf einem Transportwagen verpackt, nach. Unsere Flieger ziehen ebenfalls ihre Maschinen zum Hang und trotz Wirbel, Sturm und Regenschauer starten Freusberg  und Bieber, um bald in den Wolken zu verschwinden. Das Wetter ließ zuweilen etwas nach, dann blinkt einmal der blaue Himmel durch, aber der starke Wind läßt neue Sturmwolken herankommen. Endlich startet auch Kronfeld, zieht majestätische Kurven über unseren Höhen, entschädigt damit alle die Unbilden der Witterung, und geht nachher auf Strecke. Bei dem Dorfe Aßlar im Kreise Wetzlar (42 km von hier) war er gelandet. Wenn auch der erhoffte finanzielle Erfolg nicht eingetroffen ist, so ist jedoch das Gelingen des Tages als ein außerordentlicher Erfolg für das Gelände in Hirzenhain und für seine Tätigkeit auf dem Gebiet des Segelfluges zu bewerten.


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