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1929

Wie Hirzenhain Segelfliegen lernte – Weitere Erfolge und Prüfungen – Ein neues Segelflugzeug für den Verein für Luftfahrt

 

Weitere Erfolge der Segelflieger

Aus der „Schulchronik“ vom 15.März 1929 von Lehrer Lückhoff

Trotz grimmiger Kälte und hohem Schnee lassen es sich die Segelflieger nicht verdrießen, sich recht eifrig im Fliegen zu üben. Von der Höhe am Wasserwerk herab in der Richtung nach Lixfeld gleiten sie hinab in größerern und kleineren Sprüngen, bis daß es einem gelingt, die Maschine 30 Sekunden in der Luft zu halten. Dann ist die Bedingung für die „A-Prüfung“ erfüllt.
Einige neue „A-Piloten“ sind hinzu gekommen, darunter auch der 2.Lehrer der Nachbarschule, Herr Mittler und der Unterzeichnete, der es auch als 40-jähriger Wagehals fertig brachte, diese Prüfung abzulegen.
Bemerkt sei noch, daß es in den letzten Tagen sogar gelang, daß die Kollegen Schäfer, Jung und Mittler die 2.Prüfung, die „B“, und sich über 2 beziehungsweise 1 Minute in der Luft zu halten.

 

„Jung Stilling“ das neue Segelflugzeug des Vereins für Luftfahrt

Bericht aus der „Dill-Zeitung“ vom 30.Juli 1929
Der Deutsche Luftfahrerverband hat dem aufstrebenden Verein für Luftfahrt Hirzenhain kürzlich ein prächtiges neues Segelflugzeug zum Geschenk gemacht, das am Sonntag in einem kurzen, würdigen Festakt aus der Taufe gehoben wurde. Die Sonne blinzelte neugierig durch den aufklarenden Himmel, als vormittags kurz nach 11 Uhr auf dem Prüfungsgelände bei der Flugzeughalle eine Anzahl Vereinsmitglieder, Dorfbewohner und Taufgäste, unter denen sich auch der Landrat des Dillkreises befand, zusammentraten, um durch ihre Anwesenheit dem denkwürdigen Augenblick Gestalt zu verleihen. In stillem Sonntagsfrieden lag die Natur, ein würziger Hauch von taubenetztem Gras und Waldesduft weitete die Brust, während ein Sperber mit sanftem Schwingenschlag in den Lüften kreiste, gleichsam, um die wagemutigen Männer da unten zu grüßen, die danach trachteten, ihm die Alleinherrschaft im Reich der Lüfte streitig zu machen. Das Gleitflugzeug „Zögling“ war aus der Halle gezogen und stand in Reih und Glied mit dem Täufling, der künftig auf den Namen „Jung Stilling“ hören wird, einem ansehnlichen Apparat, der mit Blumen geschmückt und dessen Holzverschalung am Führersitz mit einem Spitzenflor behangen war.

Als Vorsitzender des Vereins für Luftfahrt Hirzenhain sprach zunächst Lehrer Schäfer, der den Anwesenden einen Gruß zurief und die Gelegenheit benutzte, um allen denen Dank zu sagen, die die Entwicklung des heimischen Segelflugsports tatkräftig fördern halfen, vor allem der Gemeinde Hirzenhain für die Zurverfügungstellung des Geländes und dem Deutschen Luftfahrerverband für die Überlassung des hochwertigen Flugzeugs. Er machte sodann noch die erfreuliche Mitteilung, daß, günstige Windverhältnisse vorausgesetzt, künftig täglich Schulungsflüge in Hirzenhain stattfinden und dass nicht nur der heimische Verein, sondern auch die Fliegergruppen von Marburg, Gießen und andere dort tätig sein werden.

Die Taufrede hielt Kreisjugendpfleger Hauptlehrer Lückhoff, der den Verein für Luftfahrt eine gesunde Familie nannte, weil er eine aufstrebende Entwicklung zeige. Man habe für den Täufling einen Namen gewählt, der in der Geschichte der Menschheit von Bedeutung gewesen sei. Der Redner feierte Jung Stilling, der im benachbarten Siegerland geboren und dort als Schulmeister gewirkt habe, später – ein Wohltäter der Menschheit – als Augenarzt, ohne einen Lohn dafür zu beanspruchen, durch die Welt gezogen sei, als einen würdigen Schutzpatron des neuen Flugzeugs. Ein Schulmeister sei es gewesen, der die erste dieser Maschinen bei uns gebaut habe und dessen Wirken für die Entwicklung des deutschen Segelflugwesens von großer Bedeutung geworden sei, wie es ja auch ein Schulmeister gewesen sei, der den Hirzenhainer Segelflugbetrieb ins Leben gerufen habe. Aber noch ein zweiter Mann, dem man viel zu verdanken habe, sollte mit dem Namen „Jung Stilling“ geehrt werden, nämlich der verstorbene Kommerzienrat Jung, der die Ziele des Vereins mächtig gefördert habe und dessen Wirken für die ganze Bevölkerung unserer engeren Heimat von größter Bedeutung geworden sei. Der Redner bezeichnete Kommerzienrat Jung als den Wohltäter des Dietzhölztals und stellte ihn der Jugend als leuchtendes Vorbild hin, ihr zum Schluß seiner Ausführungen die Worte zurufend:

“Glück ab zur Lebensfahrt! Jugend heraus! Letzte Kraft gepaart! Flieg mit hinaus”.

Hüttendirektor Gustav Jung, Straßebersbach nahm, als Sohn des verstorbenen Kommerzienrats dann den Taufakt vor, den er in den Wunsch kleidete, dass der schöne Leib des Flugzeugs, wenn er dereinst in Staub und Asche zerfalle, seine Aufgabe erfüllt haben möchte, nämlich die Jugend zu ertüchtigen und die Manneszucht zu fördern. Sein Weihespruch lautete: „Mors mihi vita!“ Er schloß mit den Worten: „Glückauf als Gruß der Heimat, Glückab als Fliegergruß!

Nachdem eine bis dahin im Führersitz eingesperrte Brieftaube aufgelassen war, die sich nach kurzem Orientierungsversuch mit raschem Flügelschlag in nordöstlicher Richtung entfernte, ergriff Landrat Dr. Bünger das Wort, um die Glückwünsche der Kreisverwaltung zu überbringen, die, wie er betonte, von jeher ein großes Interesse an den Bestrebungen der Segelflieger genommen habe. Er würdigte den Segelflugsport als eine wertvolle Ergänzung zur wissenschaftlichen Untersuchung. Es handele sich hier nicht um einen Zeitvertreib, sondern um eine Arbeit, die zum Wohle der Bevölkerung, insbesondere der Jugend, unternommen werde. Nachdem das Versailler Friedensdiktat uns die nützliche Schule des Volksheeres durch ein Söldnerheer ersetzt habe, müsse man andere Gebiete zur Ausbildung der Jugend heranziehen, und da sei gerade der Segelflugsport ein guter und wichtiger Ersatz, weil er den Einsatz der ganzen Persönlichkeit fordere, die in der eigenen Leistung und nicht in klingendem Lohn ihre Befriedigung finde. Der Redner dankte im Namen der Kreisverwaltung allen denen, die sich um die Ausbreitung des heimischen Segelflugsports besonders verdient gemacht haben und bat sie, die Bewegung weiter zu fördern. Er endete mit dem Wunsche, dass diese zum Wohle von Heimat, Kreis und Vaterland weiter wachsen und gedeihen möchte.

Nachdem noch ein Vertreter des Vereins für Luftfahrt Gießen, zugleich im Namen der dortigen Jungflieger und der akademischen Fliegergruppe, kameradschaftliche Glückwünsche übermittelt hatte, schloß Kreisjugendpfleger Lückhoff die Feierstunde mit der Aufforderung an die Versammelten, ein Scherflein zur Förderung des heimischen Segelflugbetriebs beizutragen, der denn auch in reger Weise Folge geleistet wurde.

Wegen der ungünstigen Windverhältnisse konnten Probeflüge nicht erfolgen, auch den Modellflugzeugen, die Lehrer Moos, Hirzenhain startete, mangelte es an genügend Auftrieb, sodaß sie nach kurzem Gleitflug wieder zur Erde zurückkehrten.

 

Flugzeugtaufe

Aus der „Schulchronik“ vom August 1929 von Lehrer Lückhoff

Das ist etwas, was hier in Hirzenhain noch nicht vorgekommen ist. Man hatte den bisherigen Flugzeugen auch ihren Namen gegeben, ohne dass ein besonderer Weiheakt damit verbunden war, aber die Taufe dieses Flugzeugs war wirklich etwas besonderes. Das mag wohl einmal daran gelegen haben, dass das Flugzeug selbst besonders wertvoll war, denn es unterschied sich in seiner Bauart und in seinen Eigenschaften wesentlich von de bisherigen, dann aber galt es auch, mit der Namensgebung einen mann zu ehren, der für die Entwicklung der hiesigen Segelfliegerei Großes geleistet hat. Der vor kurzem verstorbene Kommerzienrat Gustav Jung – eine Persönlichkeit von volkstümlicher Bedeutung – sollte damit geehrt werden. Der unterzeichnete hielt die Taufrede über das Wort Goethes:

„Was in der Zeiten Bildersaal jemals ist trefflich gewesen, das wird immer einer einmal wieder auffrischen und lesen“

Eine große Anzahl von angesehenen Persönlichkeiten hatten sich auf dem „Gleichen“ eingefunden, da in der Zeitung vorher auf den bedeutungsvollen Tag für den Verein für Luftfahrt Hirzenhain hingewiesen worden war. Unter vielen anderern war auch der Landrat des Dillkreises, Dr. Bünger erschienen, welcher Gelegenheit nahm, eine allgemein ansprechende Ansprache zu halten. Ein Bild hat den Augenblick festgehalten, in welchem er zu der stehenden menge spricht. Das Flugzeug wurde von dem Sohn des eben genannten verstorbenen Kommerzienrat Jung auf den Namen „Jung Stilling“ getauft, ein Mann, der nicht nur für unsere Heimat, sondern auch für die Flugsport treibenden Lehrer von großer Bedeutung gewesen ist.

 

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