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1928

Max Kegel (Gewitter Maxe) fliegt in Hirzenhain – Die ersten Erfolge – Hirzenhain wird Rekordgelände – Aus der kleinen Gruppe ensteht der “ Verein für Luftfahrt“

 

Max Kegel aus Kassel-der erste Segelflieger Hirzenhains.

Aus der „Schulchronik“ vom 24.April und 15.Mai 1928 von Lehrer Lückhoff

Auf Anraten verschiedener einflußreicher Persönlichkeiten des Kreises hatte der hiesige Verein der Segelfliegerei Verhandlungen geführt mit Herrn Max Kegel aus Kassel, um die Ausführung eines größeren, beziehungsweise längeren Segelfluges über den hiesigen Bergeshöhen. Man wollte damit einesteils den Nachweis bringen, daß sich das Gelände in und um Hirzenhain, vor allen Dingen aber an der langen Kette unseres Randgebirges des Dietzhölztales, gut zum Segelfliegen eigne, anderenteils aber auch eine Werbeaktion damit verbinden, die dem kleinen und jungen Verein neue Mitglieder zuführen sollte, woraus man sich dann eine bessere Fundierung finanzieller Art versprach.

Max Kegel kam  am Gründonnerstag  mit seinem kleinen Dixi-Auto angefahren, hatte einen 2rädrigen Anhängerwagen und darauf seine wunderbare stolze Segelmaschine verpackt. Es regnete in Strömen und die Wolken hingen mit ihren Schwänzen bis zur Erde herab, sodaß es aussichtslos erschien, in den nächsten Tagen zu fliegen.

So reiste Herr Kegel wieder ab, ließ aber seinen stolzen Vogel in einem hiesigen Dorfschuppen stehen und versprach, bei günstigem Wetter wiederzukommen.
Die Osterferien gingen zu Ende und das neue Schuljahr begann. Herr Kollege Schäfer prüfte täglich fleißig den Wind, schickte manches heiße Wunschgebet zum Himmel und kam endlich freudestrahlend angelaufen:

Feiner Nordwest, sauber – mindestens 5 – 6 mtr.-sek.

Telegramm nach Kassel, Telefongespräche in großer Anzahl, wie sie hier auf der Poststelle noch nie in solchem Ausmaße geführt wurden, und am 18. April nachmittags 4 Uhr war Max Kegel wieder da.

Noch am selben Abend und am frühen Morgen des 19. wurde mit großer Befriedigung auch von dem kühnen Flieger festgestellt, daß es der Wind sehr ordentlich meinte und die Vorbereitungen wurden getroffen. Mit Leichtigkeit fuhr er mittels seines kleinen Autos die Maschine an die Schutzhecke, kraxelte die noch weichen Feldwege hinan und fing an zu montieren. Aber welche Tücke des Wetters. Der Winter, der sich scheinbar ausgerechnet an diesem Tage in die rauhen Berge zurückzog, sandte von dorther ganz gehörige Schauer „körnigen“ und „flockigen“ Eises über die schon grünenden Fluren. Kalte Finger und kalte Füße gab es, aber nichts hielt die ungeheure Menschenmenge ab, die das große Schauspiel miterleben wollten, und sie hielten aus bis zum Nachmittag gegen 4 Uhr, als die Sonne vom klaren Himmel lachte, der Wind noch in die vollen Backen blies und die 16 bis 20 Startleute (alles Ortsbürger, alte und junge) sich anschickten, den stolzen Vogel mit seinem Führer in die Luft zu schicken. Eine feierliche Stille herrschte, eine Andacht unter den Zuschauern, wie sie selten in der Kirche besser sein kann, die Weiberleute hielten den Atem an, als endlich mit energischer Soldatenstimme der Kommandoruf ertönte:

Fertig – ausziehen – laufen – loosss !

Wie von einem Pfeil in die Luft geschossen erhob sich das wundersame Vogelgebilde in die Lüfte, drehte gleich eine Kurve nach rechts, gewann Höhe und immer noch größere Höhe, glitt hinüber in geräuschlosem Fluge bis zum Hornberg, drehte links um und kam zurück über die staunende, jubelnde Schar. So kurvte er mehrmals die große Runde bis zum Hornberg einhaltend, hin und her. Dann kam ein ungeheurer Schneeschauer. Man sah noch, wie der gewandte Flieger über dem Hornberg schwankte, zur Erde sich neigte, um nach 21 Minuten langem Flug in der Nähe des „Hessen-Loh“ zu landen. Alles lief trotz Schneewehen dorthin, um den kühnen Segelflieger zu beglückwünschen.

Seine Maschine wurde im Gegenzug von starken Händen nach Hause getragen, untergestellt, vom Schnee gereinigt und getrocknet. Am nächsten Tage sollte ein 2. Flug gezeigt werden. Aber das Wetter war zu schlecht, erst am Nachmittag klärte es sich auf, dann war aber kein starker Wind da und es gab nur einen 3 Minuten dauernden Flug hinab ins Tal bis in die Simmersbacher Wiesen.

Leider blieben auch in den folgenden Tagen die Luftbewegung so schwach, daß an einen größeren Flug nicht gedacht werden konnte. Der Urlaub des Herrn Kegel war auch abgelaufen und er reiste ab, aber ohne Maschine. Diese blieb hier. So wuchs dann wiederum Hoffnung und Freude auf eine günstigere Gelegenheit.

 

Kegels zweiter Flug-Hirzenhain ist Rekordfluggelände

Am 9. Mai hub der Wind erneut an aus nordwestlicher Richtung zu blasen, mit großer Stärke und Beständigkeit und unter denselben Begleiterscheinungen! Regen- und Schneeschauer, sodass die weißen Streifen zwischen den Ackerfurchen bis hinab ins Tal blinkten. Früh morgens schon Besuch aus Dillenburg und dem ganzen Kreis, die telefonisch informiert waren, um das wichtigste Ereignis für unsere ganze Gegend mitzuerleben.

Punkt 11:15 startete Kegel auf seinem alten Startplatz. Eine Kurve nach der anderen drehte er über den Höhen.
Drunten im Tal staunte die Menge. Die benachbarte Eibelshäuserhütte war wie ausgezogen – Arbeiter und Beamte standen staunend auf der Straße, um das Schauspiel zu bewundern. Hier in Hirzenhain war alles auf den Beinen.

1 Stunde, 9 Min war Kegel in der Luft, dann landete er wiederum am Hessenloh. Mit diesem Stundenflug hat Kegel den Beweis geliefert, daß das Gelände hier zu Rekordsegelflügen vorzüglich geeignet ist. Vom Dillkreis wurde dem kühnen Flieger eine Erinnerungsplakette zuerkannt.

Max Kegel

Bericht aus der „Dill-Zeitung“ vom  10. Mai 1928
Auf Einladung des Vereins für Luftfahrt, Hirzenhain (Dillkreis) ist der bekannte Segelflieger Kegel aus Kassel mit seiner Maschine erneut in Hirzenhain eingetroffen, um durch einen Dauerflug zu erreichen, daß das Segelfluggelände Hirzenhain vom Deutschen Luftfahrtverband Berlin als Rekordfluggelände anerkannt wird. Die Bedingungen für die Anerkennung des Geländes als Rekordfluggelände sehen vor, dass der Segelflieger eine Stunde segeln muß, während sein Landeplatz nach dieser Stunde nicht wesentlich tiefer (nicht über 10 Meter) als sein Startplatz liegen darf. Bei relativ günstigem Segelflugwetter am Donnerstagvormittag unterzog sich der kühne Pilot dieser Aufgabe, um damit dem Verein für Luftfahrt Hirzenhain die Anerkennung des Rekordfluggeländes zu ermöglichen. Bei einer Windstärke von 7 Meter startete Kegel vormittags 11.14 Uhr auf dem Abhang, welcher nach Eiershausen hin führt und erlangte innerhalb weniger Minuten eine ganz beträchtliche Höhe. In kühnem Rundflug segelte Kegel über seinem Startplatz hin und her und erreichte eine Höhe bis zu 470 Meter über dem Startplatz. Dies ist eine außergewöhnliche Höhe, wenn man bedenkt, daß der bisherige Weltrekord, den bis vor kurzem die Franzosen innehatten, der jetzt neuerdings durch Schulz in Schlesien überboten wurde, 570 Meter betrug. Sehr interessant war es für die in großer Menge erschienenen Zuschauer, wie Kegel bei seinen scharfen Kurven stark gegen den Wind ankämpfte. Man hatte den Eindruck, als stände die Maschine minutenlang in der Luft vollkommen ruhig.

Nach einer Stunde, 9 Minuten und 28 Sekunden landete Kegel 8 Meter unter der Höhe des Startplatzes und hatte damit für den Verein für Luftfahrt Hirzenhain die Bedingungen erfüllt, welche die Anerkennung des Fluggeländes als Rekordfluggelände durch den Deutschen Luftfahrtverband zur Folge haben werden.Von einer begeisterten Menschenmenge wurde der Landeplatz des mutigen Seglers gestürmt; denn die Mitglieder des Vereins für Luftfahrt Hirzenhain wussten, welchen Dank sie ihrem erfolgreichen Lehrmeister Kegel schuldig waren.

Infolge des günstigen Flugwetters am Vormittag beabsichtigte Kegel, am Nachmittag den schon vor einiger Zeit vorgesehenen Streckenflug nach Dillenburg-Schafshütte auszuführen. Die Maschine stand 4 Uhr nachmittags startbereit. Leider aber trat kurz vor 4 Uhr vollkommene Windstille (kaum Windstärke 1) ein, sodaß Kegel wohl kaum wesentlich weiter wie bis Frohnhausen gekommen wäre. Kegel hielt es unter diesen Umständen nicht für richtig, zu starten, sondern wird den Streckenflug in den nächsten Tagen, sofern die Windverhältnisse günstiger sind, ausführen. Bedauerlich ist, daß viele Dillenburger die Ankunft des Segelfliegers vergeblich erwarteten. Es ist jedoch beim Segelflug immer zu berücksichtigen, daß derartige gewaltige Leistungen nur bei den für den Flug günstigen Witterungsverhältnissen ausgeführt werden können.

Hoffen wir, daß es Kegel bis zu seinem Weggang möglich sein wird, auch den Dillenburgern durch das Gelingen des Streckenfluges die Schönheit des Segelflugsports zu zeigen und wünschen wir dem Verein für Luftfahrt Hirzenhain auch weiterhin eine so erfreuliche Entwicklung wie in der letzten Zeit. Glück ab.

Verein für Luftfahrt e.V. Hirzenhain

Aus der „Schulchronik“ vom 20.Juli 1928 von Lehrer Lückhoff

Aus der kleinen Gruppe der „Segelflugvereinigung“ ist ein „Verein für Luftfahrt“ geworden. Die uns allen in angenehmer Erinnerung gebliebenen Flüge des Kasseler Fliegers Max Kegel haben in unserem ganzen Kreis eine große Flugbegeisterung hervorgerufen. Der deutsche Luftfahrtverband hat sein Interesse an der regsamen Betätigung der Hirzenhainer Gruppe ebenfalls bekundet und dem Verein ein nagelneues Segelflugzeug gestiftet. Es heißt „Zögling“.

Somit sind nun erstmalig in den heurigen Sommerferien und Sommermonaten die ersten Schulungen vorgenommen worden. Auf der großen Viehweide an den „3 Buchen“ ist eine neue Flughalle erbaut worden, ganz aus Wellblech, fahrbar und aus 2 Flügeln bestehend. Damit ist endlich ein regelmäßiges „Üben“ begründet worden. Die Gemeinde hat sämtliche Weideflächen der Segelfluggruppe zur Verfügung gestellt, die nun an den freien Nachmittagen und Sonntagen eifrig benutzt werden. Möge dem jungen, tätigen Verein auch nun gute Erfolge auf dem Gebiete der Luftfahrt beschieden ein.

Die ersten Erfolge des heimischen Segelflugsports

Aus der „Schulchronik“ vom 25.Oktober 1928 von Lehrer Lückhoff

In den diesjährigen Herbstferien hat der Kollege Schäfer einen Kursus im Gleitfliegen abgehalten, an dem sich eine Anzahl junger Flugschüler beteiligten. Die abgeernteten Felder und Wiesen gaben Gelegenheit, die Flugübungen über die Gemarkungsgrenzen, hinab bis nach Eiershausen auszudehnen.
Und genau dieser Umstand brachte den mutigen Flugschülern die ersten Erfolge. Es gelang einigen Flugschülern, und auch Herrn Schäfer selbst, in den Tagen vom 5.-10. Oktober die Gleitfliegerprüfung, die sogenannte „A-Prüfung“ abzulegen. „Glück ab“ zu weiteren Erfolgen.

 

 

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